Morbus Bechterew
Spondylitis ankylopoetica
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7 Wirbelsäulensyndrome
   7.1 Morbus Scheuermann
   7.2 Morbus Bechterew
(Spondylitis ankylopoetica)

Bild: Typische Wirbelsäulenveränderungen (Quelle: www.handicap-network.de)

Der Morbus Bechterew (Spondylitis ankylopoetica) ist gekennzeichnet durch eine schleichende, ankylosierende (= versteifende) Kyphosebildung (= Krümmung der Wir belsäule), die zu der typischen, vornüber gebeugten Haltung führt. Bei Mitbeteiligung auch der großen Gliedmaßengelenke spricht man von der Bechterew-Marie-St rümpell Krank heit.
Infolge der Fehlstellung und Fehlbelastung können
heftige Schmerzen auftreten. 

 

Beim Morbus Bechterew liegen primär chronisch-rheumatische En tzündungen der Kreuzdarmbeinfugen und der Wirbelgelen ke vor.

Der Morbus Bechterew, auch als Spondylitis ankylopoetica bezeichnet, tritt hauptsächlich bei Männern auf, bei Frauen ist der Verlauf meist günstiger. Der Morbus Bechterew beginnt zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr.

Anfänglich führt der Mor bus Bech terew (Spondylitis ankylopoetica) zu uncharakteristischen K reuzschmerzen, vorzugsweise nachts. Manchmal sind aber auch eine Gelen kentzündung im Kn ie-, Hüf t- oder Sprunggelen k oder Fer senschmerzen das erste Symptom (= Krankheitszeichen) eines Mor bus Bech terew.
Begleiten oder vorausgehen können dem 
Morbus Bechterew eine Iritis (= En tzündung der Regenbogenhaut des Auges) und/oder eine Urethrit is (= Harnröhrenen tzündung).
Nicht selten klagen Mor
bus Bech terew-Patienten schon in der Frühphase über Müdigkeit, Gewichtsverlust und Stimmungsschwankungen.

Die Diagnose eines Mor bus Bech terew wird röntgenologisch und serologisch (= Untersuchung des Blutserums auf spezifische Antikörper) (HLA-B-27) gesichert. Die Blutsenkungsgeschwindigkeit ist bei Mor bus Bech terew oft stark erhöht.
Visze rale (= aus den Eingewei den stammende) Über tragungsschmerzen (Refe rred pa in) sind stets in die differentialdiagnostischen Erwägungen (= was außer dem Morbus Bechterew sonst noch an Krankheiten vorliegen könnte) mit einzubeziehen. Affektionen (= Erkrankungen, Störungen) von Herz und Pankreas (= Bauchspeicheldrüse) führen oft zu Beschwerden zwischen den Schulterblättern. Auch Erkrankungen der Speiseröhre, Pleura (= Rippen- bzw. Lungenfell) und Anomalien der Brustaorta (= Hauptschlagader im Brustbereich) können zu Beschwerden in der Brustwir belsäulen-Region führen. 
Des weiteren ist auch an Wachstumsstörungen (z.B. Scheuermann, Skol iose) zu denken.

Eine kausale (= auf die Ursache des Morbus Bechterew gerichtete) Therapie gibt es beim Mor bus Bech terew (Spondylitis ankylopoetica) nicht. Zu einer aufrichtenden Wir belsäulen-Osteotomie (= Knochendurchtrennung) wird man sich nur ausnahmsweise entschließen.

Der TNF-alpha Blocker  Etanercept (z.B. Enbrel ®) hat sich mittlerweile nicht nur gegen die rheumatoide Arthritis, Psoriasis-Arthritis, oder chronische Polyarthritis bewährt, sondern auch bei Mor bus Bech terew.

Medikamentöse Behandlung der Rückenschmerzen bei Morbus Bechterew (Spondylitis ankylopoetica):
Akut und subakut können bei
Mor bus Bech terew zunächst (vorwiegend) peripher wirkende Analgetika (= Schmerzmittel, die am Ort der Schmerzentstehung wirken) eingesetzt werden, insbesondere sog. nicht steroidale Antirheumatika (= Rheumamittel), aus dieser Gruppe möglichst langwirkende und magenschonende wie z.B. Mobec®). Besonders magenschonend und auch entzündungshemmend sind die sog. COX-2 Inhibitoren, z.B. Parecoxib (Dynastat®) oder Etoricoxib (Arcoxia®), allerdings scheint diese Stoffgruppe mit einem Herz-/Kreislauf-Risiko verbunden zu sein, zumindest bei längerer Therapiedauer. Es bleibt abzuwarten, ob Parecoxib und Etoricoxib nicht auch noch vom Markt genommen werden, wie schon andere Mittel dieser Stoffgruppe zuvor.
Bei stärkeren schmerzhaften Muskelverspannungen können darüber hinaus auch Muskelrelaxanzien
(= Mittel zur Muskelentspannung) (z.B. Norflex®, Mydocalm®) verordnet werden. 
Manchmal sind aber die Schmerzen nur mit zentralwirkenden Analgetika (z.B. Tramadol, Valoron N®)
(= im Gehirn bzw. Rückenmark wirkende Schmerzmittel) beherrschbar.
Grundsätzlich sollte aber auch bei
Mor bus Bech terew eine längerfristige Schmerzmittelverordnung wegen der Gefahr der Gewöhnung oder gar Abhängigkeit vermieden werden. Die Kombination mit schmerzdistanzierenden Antidepressiva (= Mittel gegen Depression, aber auch bei Morbus Bechterew hilfreich) (z.B. Doxepin, Maprotilin) hilft in vielen Fällen Schmerzmittel einzusparen.

Durch wiederholte Serien von lokalen Infiltrationsbehandlungen mit lang wirkenden Lokalanästhetika (= örtliche Betäubungsmittel) lassen sich bei Mor bus Bech terew (Spondylitis ankylopoetica) teilweise eindrucksvolle Linderungen erzielen und Analgetika (= Schmerzmittel) einsparen.
Eine stark fraktionierte Röntgenbestrahlung soll auch bei
Mor bus Bech terew schmerzlindernd sein (Thomalske 1991). Auch kann die Magnetfeldtherapie versucht werden.
Der progredienten
(= fortschreitende) Beweglichkeitseinschränkung kann mit regelmäßiger Heilgymnastik begegnet werden. 

Nicht selten stehen bei der Spondylitis ankylopoetica Schmerzen im Bereich der Iliosakralgelenke im Vordergrund, oft mit Ausstrahlung in die untere Lendenwirbelsäule. Neben der vorgenannten medikamentösen Therapie ist für diesen Schmerzbereich die therapeutische Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel bzw. Lokalanästhetika) besonders zu empfehlen.

Infiltrative Lokalanästhesie bei Morbus Bechterew (Spondylitis ankylopoetica):
Die einfachste diesbezügliche Therapie besteht in der lokalen Infiltration der Iliosakralgelenk e (Kortison-Zusatz kann den Heilungsprozeß beschleunigen) und der meist verspannten paravertebralen Mus kulatur im Bereich der unteren Lendenwir belsäule. Je nach segmentaler Ausdehnung reichen ca. 5-10 ml Bupivacain 0,25% bis 0,5% völlig aus.
Bei Schmerzen im B rust / Halswir belsäulen-Bereich wird die paravertebrale
(= neben der Wir belsäule befindliche)
Mus kulatur ebenfalls wiederholt infiltriert, stationär 1-2 mal täglich.
Eine weitere Möglichkeit ist die gezielte Triggerpunktinfiltration nach vorheriger Identifizierung derselben.

Rückenmarknahe Blockaden bei Morbus Bechterew:
Die lumbale Periduralblockade
(= rückenmarknahe Blockade im Lendenbereich), insbesondere mit Katheter (= eingepflanzter, dünner Kunststoffschlauch), ist auch bei Morbus Bechterew (Spondylitis ankylopoetica) eine sehr effektive Therapiemaßnahme, die allerdings nur unter stationären Bedingungen durchgeführt werden sollte. Bei technischer Beherrschung, adäquater Lokalanästhetika-Dosierung und Beachtung der hygienischen Belange kann das Risiko bei der Indikation (= Anzeige) "Rüc kenschmerzen" als vertretbar eingestuft werden.
Die Wirkung einer lumbalen peri(epi)duralen Blockade kann individuell mittels Lokalanästhetikamenge und -konzentration so gesteuert werden, daß die Schmerzreize aus der gesamten unteren Körperhälfte (mit größerem Volumen wird auch der untere/mittlere Th orakalbereich erreicht) bei weitgehend erhaltener Motorik blockiert werden. Der Erhalt der Motorik hat den Vorteil, daß die Patienten nicht immobil sind, sondern gleichzeitig effektiv physiotherapeutisch behandelt werden können.
Die gleichzeitige sympathikolytische
(= gefäßerweiternde) Wirkung  führt zu einer sehr deutlichen Mehrdurchblutung, die jeder entzündlichen oder degenerativen Schmerzursache kausal entgegenwirkt, also auch bei Morbus Bechterew.
Bei Anwendung der Kathetertechnik kann die Blockadefrequenz beträchtlich gesteigert werden.

Physikalische Therapie bei Morbus Bechterew (Spondylitis ankylopoetica):
Auch die Elektrostimulation kann eine Beschwerdelinderung herbeiführen. Die transkutane Stimulation mit Niederfrequenzgenerator über Klebeelektroden (TENS) hat den Vorteil, daß sich die Patienten bei Bedarf selbst behandeln können. Die Elektroden werden paarig paravertebral (= neben der Wir belsäule) im Schmerzbereich aufgeklebt. Durch Veränderung der Stimulationsfrequenz und der Elektrodengröße kann die Wirkung optimiert werden.
Eine weitere physikalische Behandlungsmöglichkeit ist die oberflächliche Kältetherapie im Schmerzbereich. Wir verwenden einen elektrischen Kaltluftgenerator, dessen Luftstrom auf ca.-10 bis-15 Grad C abgekühlt ist. Manche Patienten mit Morbus Bechterew empfinden allerdings lokale Wärmeapplikationen (Rotlicht) oder auch eine Behandlung in der Wärmekammer als besser wirksam. Warme Bäder können ebenfalls Schmerzen lindern.
Die Verordnung von Massagen ist auch bei Schmerzen aufgrund eine Morbus Bechterew nicht sinnvoll. Für den Patient mag diese Behandlung zwar angenehm sein, aber unter schmerztherapeutischem Aspekt bringt sie nichts und führt nur zu unnötigen Kosten.
Nahezu unverzichtbar dagegen
ist bei Morbus Bechterew die heilgymnastische Therapie.
Wenn Schmerzen bei Morbus Bechterew (Spondylitis ankylopoetica) längerfristig bestehen, so ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen.

Aktualisiert: 24.06.2006
A
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